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Der Anschlag: Rezension

10.446 Byte hinzugefügt, 20:38, 7. Mär. 2016
Tiberius 2/5
Bis auf einzelne Aspekte der Zeitreise und der Konsequenzen hält King nicht nur alles, was er verspricht - er fasziniert darüber hinaus.
== [[Benutzer:Tiberius|Tiberius]] (2 / 5) ==Es ist schwierig bei einem Roman wie diesem und den dazugehörigen Umständen wirklich neutral zu bleiben. Aus verschiedenen Gründen. Da ist einerseits der Autor, der bei mir über alles geht. Da ist die Messlatte, die sich in meinem Kopf aufgebaut hat, weil so viele Leser ihn fantastisch finden, und da sind die Themen, die Stephen King mit ''Der Anschlag'' verwendet. Zeitreisen, die Melancholie der Vergangenheit, die Träume eines Lehrers und eines Verliebten und ein wenig Politik und Mystik. King hat mit ''Der Anschlag'' viele Themen aufgegriffen, die sehr autobiografisch wirken. Wie Jake Epping ist auch King ehemaliger Englischlehrer mit der Neigung Geschichten zu verfassen. Wie Al Templeton hält er das Attentat an John F. Kennedy für eines der bedeutenden traumatischen Erlebnisse der USA aus der jüngeren Vergangenheit. Am 22. November 1963 ist King selbst 16 Jahre alt, mitten in einem Alter also, in dem sich seine starke pro-Demokratische Meinung herausgebildet haben dürfte. Eine Zeit, in der die USA in meinen Augen mitten im Umbruch stand. Die Trennung von weißen und schwarzen Amerikanern wurde per Gesetzt offiziell aufgehoben. Anstelle vom großen Weltkrieg standen zunehmend Stellvertreterkonflikte mit der Sowjetunion. Neben der Kubakrise, die den USA zeigte, wie nah ihnen der Feind kommen konnte war vor allem der Vietnamkrieg wahrscheinlich einer der traurigen Zwischenhöhepunkte des Kalten Krieges. Inmitten dessen wird Kennedy erschossen. Um dieses Attentat ranken sich bis heute Verschwörungstheorien. Was, wenn Oswald nicht allein gehandelt hat. Was, wenn er im Auftrag der CIA, der Sowjetunion oder der Mafia geschossen hat? Ein komplexes Thema, welches auch in ''Der Anschlag'' ausführlich behandelt wird. Machen wir es kurz. Ich habe so meine Probleme mit Stephen Kings Endergebnis. Wie bei anderen Werken auch, die bei mir ''durchgefallen'' sind, dauert es bei King länger, bis ich zu einem negativen Urteil komme. Aber wenn, finde ich es umso trauriger, denn Kings Fallhöhe ist einfach eine Andere als bei anderen Autoren. King bedient sich ausgiebig aus den Mitteln, die bei ihm schon immer gut funktionieren. Jake Epping als Hauptcharakter entspricht Kings Standardschema. Er ist Lehrer, aufrichtig, witzig, charmant und hält zu seinem Vorhaben, wenn er es beginnt. King wirft mitunter anderen Autoren völlig zu Recht vor, sie würden ihren Charakteren keine Tiefe verleihen. Ich habe das Gefühl, auch er hat bei Epping nicht seine Höchstleistung abgerufen. Es wirkt, als würde Epping so gut wie nichts aktiv tun, um voran zu kommen. Es scheint, als würde jeder Schritt hin zum unausweichlichen Finale durch jemand anderen initiiert werden. Angefangen von Harry Dunning und Al Templeton in seiner Gegenwart, Bill Turcotte, Charles Frati und Andere in Derry, Al Stevens, Mimi Corcoran, Deke Simmons und Sadie Dunhill in Jodie. Ivy Templeton in Fort Worth und Eduardo Gutierrez, Akiva Goldsman und andere Gegner, die ihm sogar seine Rückschläge quasi frei Haus präsentieren. Epping ist einer der Charaktere, mit denen ich mich nur sehr wenig identifizieren kann. Ungewöhnlich für einen Stephen-King-Roman, denn es klappt normalerweise ganz gut. Egal ob King Kinder, normale Erwachsene oder bereits gealterte Senioren präsentiert. Doch Epping wirkt flach, fast unnahbar. Es ist fast schon überraschend als Sadie Dunhill ihm vorwirft, ihr völlig unbekannte Sprichwörter zu benutzen. Zuvor hatte ich immer das Gefühl, Jake passt widerstandslos in die Zeit, was für mich unglaubwürdig war. Überhaupt erscheint auch die Beziehung zu Sadie selbst wie ein Fremdkörper in der gesamten Handlung. Als sie sich kennenlernen und näher kommen, war sie für mich nur ein Charakter wie Frank Dunning, Bill Turcotte, Mimi Corcoran und co. Stark und präsent wirkende Charaktere von geringer zeitlicher Dauer. Schlimmer noch, Jake wirkt bei der ersten Begegnung wie ein Lüstling - vielleicht ist das ja seine geheime Tiefe, die ich verpasst habe? Man hat mir eine romantische Liebesgeschichte versprochen. Stattdessen glaube ich, dass Jake vor allem auf sie steht, weil sie groß, blond und blauäugig ist und tolle Brüste hat. Der Rest ist für den quasi perfekten Lehrer voller Charm nur noch eine Sache von ein paar gemeinsam organisierten Feiern. Dass er während einer Trauerfeier bei ihr einen Lachanfall auslöst, wirkt dabei alles andere als romantisch. Dass eine Frau, die sich nach Jahren der Unterdrückung durch einen zwangsgesteuerten Mistkerl dem Nächsten bedingungslos an den Hals wirft und alle Bedenken ignoriert, lässt sich für mich nicht greifen. Ja, es sind die 60er Jahre und vielleicht ist Sadie einfach dafür gemacht, sich den Falschen anzuschließen. Aber wäre es nicht super gewesen, sie hätte wirklich die Beziehung zu ihm beendet? Wäre doch eine tolle Motivation für ihn, es beim nächsten Mal besser zu machen. Apropos ''Das nächste Mal''. Wie schon bei ''Ur'' geschrieben, bin ich selbst vom Thema der Zeitreisen fasziniert. Filme wie ''12 Monkeys'', ''Primer'', oder sogar die Reihen von Terminatoren und Zurück in die Zukunft sind Filme, die ich mir mehrmals angeschaut habe. Kings Versuch, sich ebenfalls mit dem Thema zu beschäftigen wirkt auch in ''Der Anschlag'' ungelenk. Ich habe das Gefühl, er verheddert sich dabei, gewisse Dinge zu erklären um die Handlung spannender zu gestalten, und bei anderen Dingen nicht so genau zu sein, um seine künstlerische Freiheit nicht zu verlieren. Schade, denn das Ergebnis hinterlässt einige Fragezeichen. Wie es auch nur annähernd möglich sein kann, dass Dinge durch die Zeitreisen repliziert werden (Als Hamburgerfleisch, Jakes Klamotten), wie und wann genau die Vergangenheit sich zu wehren beginnt, warum King Kartenmänner braucht, wenn er durch den Schmetterlingseffekt genauso die annähernde Vernichtung der Welt erklären könnte. Dagegen verpasst King einige Gelegenheiten dem Thema etwas mehr Würze zu geben. Warum kann Epping nicht seinem Vater begegnen. Dass so etwas die Kartenmänner zum durchdrehen bringen würde, wäre wenigstens auch für ihn verständlich. Warum kann Templeton ihm nicht erzählen, dass er aus Versehen mal die Vergangenheit so änderte, dass etwas entscheidendes - aber letztlich harmloses - in der Gegenwart völlig anders gewesen wäre. Das Logo einer Band oder einer Firma zum Beispiel. Stattdessen sind es Hamburgerfleisch, einige Dollarscheine und der Aufenthalt in einer Sommerhütte am See.  King wirkt für mich hier inkonsequent und damit wenig vertrauenswürdig. Denn letztendlich beginne ich seine vorgestellte Theorie zur Zeitreise zu hinterfragen und ende damit, jede seiner Entscheidungen fragwürdig zu finden. Wie wahrscheinlich es ist, dass ein kubanischer Mafioso aus Florida Beziehungen bis nach Dallas unterhält und so drei Wetten innerhalb von drei Jahren für solch einen Wirbel sorgen. Wieso Al Templeton Jakes erste Veränderung der Vergangenheit nicht gespürt hat. Die Nähe zum Zeitportal lasse ich nicht gelten, schließlich hat sich auch das Foto in seinem Diner angepasst. Wer hätte es außer ihm geschossen, wer sonst an seine Wand gehangen? Was wohl passiert wäre, wenn man zu Zweit durch das Zeitportal gegangen wäre und nicht gleichzeitig wieder zurückkehren würde. Zum Thema Rückkehr hätte ich auch noch etwas. Warum Derry? War es ein Probelauf, ob sich vielleicht doch noch ein Roman mit Pennywise lohnt? War es vielleicht ein Abgesang auf genau diese Option? Ich bin mir nicht sicher, was ihn dazu motiviert hat. Auf den ersten Blick war es toll, Jake Epping in einen bekannten Ort zu folgen. Doch ich erkenne Derry kaum wieder. Ja, die Stadt war mir in ''ES'' auch nicht ganz koscher, aber der Klub der Verlierer hat daraus etwas lebendiges und liebenswürdiges gemacht. Jetzt, nur wenige Wochen nach der ersten Schlacht gegen den Außenseiter ist plötzlich alles anders. Ein Beispiel: [[Norbert Keene]] ist der Apotheker des Ortes, zu dem schon [[Sonia Kaspbrak]] mit ihrem [[Eddie Kaspbrak|Sohn Eddie]] ging. In meinen Augen war Keene der einzige, der genügend Mumm und Charakterstärke bewiesen hat, denn er hat sich gegen Sonia durchgesetzt. Er hat versucht, ihren Sohn aufzuklären und damit zu helfen. Doch in ''Der Anschlag'' wird Keene zu einem gehässigen kleinen Männchen degradiert, der Fremde so wenig leiden kann, dass sie sich in seinen Augen ruhig in seinem Laden die Hosen vollkacken können. Derry war für mich - trotz der Anwesenheit von Pennywise - bunt und ein Abenteuerspielplatz für meine Helden. Für Jake Epping ist die Stadt grau und feindselig. Insgesamt lässt mich auch dieser Abschnitt des Romans mit Fragen zurück. Wie toll der Zufall wirklich ist, dass Jake ausgerechnet ein paar Wochen vor dem Beinahe-Tod des Hausmeisters seiner Schule herauskommt, wie wunderbar ihm die Vergangenheit in die Karten spielt, dass nur wenige Personen mit ihm reden wollen, die ihm aber alle notwendigen Informationen ohne Bedenken liefern. Es sind diese kleinen Dei ex machina, die ihm in Derry und auch danach noch begegnen. So auch der Hinweis, dass Andrew Cullum begeisterter Cribbage-Spieler ist. So rettet er quasi frei Haus eine junge Dame, die mir zu dem Zeitpunkt schon fast wieder entfallen, mindestens aber egal geworden, ist. Insgesamt scheint es, als möchte King in ''Der Anschlag'' vieles unterbringen. Seine eigene Verarbeitung mit dem Anschlag auf John F. Kennedy. Seine Gefühle, die er in der Vergangenheit als Lehrer gehabt hat oder gern gehabt hätte, seine merkwürdig zum Ausdruck gebrachte romantische Ader, seine Faszination von Kleinstädten und viel Mystik. Vieles davon ist angedeutet, sehr gut angedeutet sogar. Doch die Mischung aus den verschiedenen Brocken funktioniert für mich nicht. King ist sicherlich jemand, der eine fantastische Geschichte nachvollziehbar und begeisternd entwickeln lassen kann. Allerdings glaube ich, war das Gerüst, eine fiktive Geschichte anhängend an die wahre Geschihchte von Lee Harvey Oswald und Kennedy, nur sehr schwierig für ihn zu stemmen. Schaut man sich an, was für die [[11.22.63 - Der Anschlag|Adaption]] daraus gemacht wurde, sieht man, was auch King hätte besser machen können. Mit der Straffung an einigen Stellen, mit dem Fokus auf wirkliche Hindernisse und mit einer gewissen Menge Nachvollziehbarkeit. Auch für einen Horrorroman tut das nämlich ganz gut. {{weiterführend_Der weiterführend Der Anschlag}}
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