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ES: Rezension

Aus KingWiki
Version vom 5. Februar 2008, 19:29 Uhr von Realbaby (Diskussion | Beiträge) (weiterf. = Portal, Kat.)


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Croaton (5 / 5)

ES ist ein wahres Monster von einem Buch - nach Das letzte Gefecht der zweitlängste Roman in seiner Karriere und - übertroffen für mich nur von In einer kleinen Stadt - wohl auch einer der komplexesten.

King entwirft ein eigenes Universum mit so vielen Handlungssträngen, dass man bei jeder Lektüre Dinge wiederentdeckt, die man längst schon wieder vergessen hatte. Es geht bei weitem nicht nur um die Mitglieder des Klubs der Verlierer; immer wieder fügt King 'Zwischenspiele' ein, in denen der Horizont der Handlung auf ganz Derry und um einige Jahrzehnte in die Vergangenheit erweitert wird. Zwar fühlt man sich anfangs immer etwas aus dem Spannungsbogen rund um Bill Denbrough und seine Freunde herausgerissen und geht vielleicht erst einmal etwas missmutig an ein erneutes Zwischenspiel ran - immer wieder aber faszinieren einen die dort beschriebenen Ereignisse aufs Neue.

Genial ist auch Kings Erzähltechnik des fließenden Übergangs zwischen Kapiteln und somit zwischen den zwei wichtigsten Zeitebenen, den Jahren 1958 und 1985, wobei mir die Kapitel, die sich um das Kindesalter der Verlierer drehen, insgesamt besser gefallen.

Pennywise der Clown ist fraglos einer der stärksten und am tiefsten in der literarischen Kultur verankerten Bösewichte Kings; obwohl ES alle möglichen Formen annehmen kann, so ist ES doch als Clown am unheimlichsten. Die Verlierer wachsen dem Leser ans Herz und werden zu guten Freunden, die man am Ende der Lektüre nur ungern zurücklässt. Umso erfreulicher ist es, in späteren Romanen (z.B. in Schlaflos oder Duddits) wieder auf einige Namen zu treffen - nur Mike Hanlon tritt jedoch persönlich noch einmal auf (in Schlaflos).

Der Roman macht es einem nicht leicht, den Zugang zu ihm zu finden. Nach einem starken Eröffnungskapitel folgen schon die meines Erachtens langatmigsten Kapitel - richtig in Schwung kommt das Buch erst ab dem Zweiten Teil. Auch der Schluss ist, wie man immer wieder lesen kann, für viele Leser eine Enttäuschung. Was den Film betrifft, so stimme ich voll und ganz zu, im Buch habe ich jedoch keine Klagen. Dass Eddie Kaspbrak sterben muss, ist tragisch - doch King wäre nicht King, wenn alles in einem rosigen Happy End gipfeln würde.

ES ist ein Meilenstein der Literatur und in Kings Werk, der Roman, mit dem man King wohl am häufigsten in Verbindung bringt.

Wörterschmied (2 / 5)

Obgleich ES als Kings unabdingbares Highlight angesehen und von circa 45% der Dauerleserschaft als das Werk schlechthin deklariert wird, gibt es dennoch eine gewisse Sektion Fans, die mit diesem Werk nicht nur (oder nicht unbedingt) gute Erinnerungen verbinden.

Das Werk teilt sich in zwei Hälften - zwei Teilgeschichten, die wie die zwei Seiten einer Münze, welche man in die Luft wirft, abwechselnd aufblitzen und je weiter das Auge bereit ist, Täuschungen und Irrführungen zu akzeptieren, im Flug zu einer einzigen Form verschwimmen. So auch diese Geschichte, die es wie keine andere schafft, die erwähnten zwei Erzählebenen wie Zutaten zu einem soliden Teig zu verkneten, der weder rissig wird noch Klumpen wirft.

Viele dutzende Handlungsstränge werden über hunderte von Seiten aufgebaut, um erst zum finalen Zwecke einen tieferen Sinn zu ergeben. Stellvertretend sei nur Bills Fahrrad Silver genannt, dem es zu verdanken ist, dass nach dem chaotischen Ende, welches wie ein komplizierter Septarkord nach harmonischer Auflösung strebt, schließlich eine zyklische Form entsteht: ein Ende, das diesem Bücher würdig erscheint (wenn man ignoriert, wie es zu dem Ende kommt, was weiter unten thematisiert wird), da es weder zu offen ist noch sich verantwortlich fühlt, den weiteren Lebenslauf aller Beteiligten noch bis ins dritte Glied der Erbfolge nachgehen zu müssen. (Der Versuch einer solchen Fußnote wird mit Es wächst einem über den Kopf zu In einer kleinen Stadt versucht und scheitert kläglich!)

Ein anderes Beispiel ist Eddies Aspirator, welcher am deutlichsten den Sinngehalt der Geschichte widerspiegelt: Angst ist ein Placebo. Ist dies die Aussage des Buches?

Mit Pennywise, dem tanzenden Clown, eschafft King eine Horrorfigur, die wie keine andere Gruselfigur zuvor das Phänomen Angst so gut verdeutlicht wie hier. Angst ist eine subjektive Anschauung der Welt, die teils auf schlechten Erfahrungen, teils auf zu großen Erwartungen und teils auf zu ausgeprägter Phantasie begründet ist. Aber dennoch ist dies keine Antwort auf die Frage: Was ist Angst? Diese Frage ist die erhabene Notwendigkeit von Pennywise und liefert IHM - gerade durch die Ermangelung einer konkreten Antwort - unendliche Macht. Angst kann ein Clown, ein Vogel, eine Spinne, ein Wolf oder auch die Angst vor dem Ersticken (Eddie) sein, der man nicht fortlaufen und entfliehen kann, sondern der man sich stellen muß! Diese Botschaft verpackt King gleichermaßen im Selbstmord von Stan Uris wie im Opfergang von Eddie Kaspbrak.

Doch neben aller Tiefgründigkeit, die so schwarz ist wie die Abgründe der geängstigten Seele, greift King hier und da auch mal ins Fettnäpfchen. Wir sind dabei, wie Bevy den Jungs auf dem Schrottplatz beim Entdecken ihrer Männlichkeit zusieht; wir erleben einen Bill, welcher bei den durch eine blutigen Kopfverletzung verklebten Haaren seines Freundes an die Intimfrisur seines Vaters denkt; wir hören wie Monster kleine Mädchen immer und immer wieder als F*tze bezeichnen; wir wohnen Bevys selbst auferlegter Entjungferung durch sechs Jungen bei, die kaum das Teenageralter erreicht haben - und fragen uns: Warum das alles? Erfüllt sich King hier seine perversen und pädophilen Phantasien, die man Leuten wie ihm, Straftätern oder Marylin Manson gerne nachsagt? Freilich werden hier vor allem Vorurteile gegen die Andersartigkeit ausgesprochen, um einen Schutzwall für das eigene Verständnis von Norm und Ordnung zu errichten. Leider zwängt sich King hiermit selbst in die Spate der eher "unangebrachten Formulierungen", in der ihn viele Kritiker gerne ertrinken sehen würden.

Aber dennoch: Ging das nicht auch anders? Eddies Versuch, sich mit dem Gebrauch einer Seife, Erleichterung zu verschaffen oder Richies Definition einer Samenprobe als "saubere Ejakulation in ein steriles Reagenzglas" schaffen es, uns zum Schmunzeln zu bringen, ohne derbe Hintergedanken zu entwickeln. Hier zeigt King, dass er das Thema Sexualität auch auf harmlose und zivilisierte Art anfassen kann, was in der heutigen MTV-Pornomania-Welt nur noch selten der Fall ist.

Für mich schafft King hier eine genau umgekehrte Wandlung der Leser-Mentalität, die Umberto Ecos Werk "Der Name der Rose" auszeichnet. Der Leser glaubt bis zur letzten Seite das Buch zu verstehen und findet es gut, doch erst auf der letzten Seite, als das erste Mal der Buchtitel tangiert wird und man den wahren Gehalt der Handlung versteht (Der Verlust des Glaubens, auf dass er nicht mehr als eine Name ist - so wie der Name einer Rose keinen Trost mehr spendet, wenn man ihre Schönheit nicht mehr erkennen kann), beginnt man das Buch wirklich zu verstehen und auch zu lieben.

Aus meiner Sicht hat King mit seinem finalen Lösungsversuch durch die
(Warum?)
Korpulation von sieben Minderjährigen genau das Gegenteil bewirkt und tausendseitige Handlung, die man bereit ist zu lieben, erkalten und sterben lassen. Besonders, wenn man Glas in sein Herz geschlossen hat, weil hier die Themen Liebe und Sinnlichkeit in einen Kontext gebracht werden, der keine Widersprüche in sich birgt, fällt es einem schwer, die Gedankengänge Kings bei ES nachzuvollziehen, beziehungsweise zu rechtfertigen. Für mich ist das Buch nach dem Lesen nicht viel mehr als ein Name - seine Anziehung kann ich nicht mehr begreifen.

Fazit: Eine gute Geschichte, der leider das passende Ende fehlt, um eine großartige Geschichte zu sein!